Berliner Zeitung
DAS STOIBER-PROBLEM
Bei Peter H. Ditko lernen Politiker aller Parteien wie man sich sympathisch präsentiert
Serie "Hinterzimmer der Macht"
von Martin Klesmann
Viele Abgeordnete und auch manche Bundesminister sind schon den schmalen Steg herunter gestiegen auf das alte Schubschiff in der Spree. Hier erwarten sie die Lösung eines Problems, das sie offiziell nicht zugeben würden.
Denn in den holzgetäfelten Räumen hilft ihnen Peter H. Ditko dabei, den richtigen Ton zu treffen. Ditko ist Gründer und Leiter der Berliner Redner-Schule. Ihm gehört das Schiff auf der Spree, das 1965 gebaut worden ist und auf den bezeichnenden Namen "Agora" getauft wurde. Es ist das griechische Wort für "Marktplatz", wo in der Antike die politischen Führer zum Redestreit zusammenkamen.
Wie viele und vor allem welche Politiker sich Ditko anvertrauen, sagt der 60-Jährige nicht. Diskretion gehört bei ihm unbedingt zum Geschäft. Dass der ehemalige Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) einer seiner Kunden war, legt zumindest das Foto an der Wand des Seminarraumes nahe. Immerhin hat Riester in seiner Amtzeit versuchen müssen, die nach ihm benannte Rente zu erklären. Es mag am Sachverhalt liegen, dass sie bis heute kein Verkaufsschlager geworden ist.
Seit Januar 2004 haben es die Rat suchenden Politiker nicht mehr weit, wenn sie unerkannt zu Ditko eilen. Sein acht Meter breites und sechzehn Meter langes Schiff ankert nun an der Marschallbrücke direkt am Reichstag. Es hat die wichtigsten Hilfsmittel für die Schulungen an Bord: Ein Rednerpult, ein Mikrofon, eine Videokamera und einen Fernseher. Die Politiker, die kommen, werden beim Reden im Hauptraum des Schiffes gefilmt. Durch die Fensterfront haben sie den mächtigen Reichstag dabei fest im Blick.
Nach einer Probeaufnahme redet Ditko dann Tacheles. "Politiker müssen eine verständliche, bildhafte Sprache benutzen und das, was sie sagen, muss mit ihrer Körpersprache übereinstimmen", sagt Ditko. Sonst trete das Stoiber-Problem ein. Der CSU-Politiker hatte im Wahlkampf seine Aussagen oft mit einem unpassenden Lächeln garniert. Ditko stöhnt, wenn er daran denkt. Ein häufiger Fehler von Berufspolitikern sei es auch, Zuhörer mit Informationen zu überfluten. Ditko schüttelt den Kopf, geht an die Schiffsbar und holt sich ein Wasser.
Seinen Service lässt er sich etwas kosten: 150 Euro kostet die Stunde - für Kleingruppen mit bis zu drei Personen. Meist aber kommen die Politiker, um sich in Einzelgesprächen beraten zu lassen. Dabei geht es nicht nur um Sprache. Denn manchmal kommt es bei seinen Schülern zu Persönlichkeitskrisen: "Wenn sie sich auf Video sehen, stellen manche fest, dass sie so eigentlich nicht rumlaufen können", sagt Ditko. Dann geben er und seine Mitarbeiter auch eine Typberatung. Sie machen Vorschläge, wie ein neuer Haarschnitt aussehen kann oder drängen darauf, dass ein gedeckter Anzug einen Finanzpolitiker sogleich kompetenter erscheinen lässt. "Heutzutage ist das Persönlichkeitsbild eines Politikers ja wichtiger als die Inhalte, die er vertritt", sagt Ditko. Er ist ein kleiner, jovialer Rheinländer, der aber mit scharfer Zunge reden kann.
Ditko spielt mit den Volksvertretern stets verschiedene Situationen durch: Zum Beispiel das 45-Sekunden-Statement, das ein Politiker am Rande einer Sitzung in die Fernsehkameras sprechen soll. Hier empfiehlt der Schulleiter: "Anknüpfen am Vorwissen des Publikums, eine stringente Kurzargumentation und ein prägnanter Zielsatz." Auch der Auftritt in einer Fernseh-Talk-Show wird auf dem umgebauten Schubschiff geübt. Ditkos Rat in diesem Falle: Erst einmal Gefühle zeigen und so tun, als seien dem Politiker alle anderen Gäste und auch der Talkmaster sympathisch. Dann alles anschaulich erklären, alle Einwände sofort anzweifeln. Und natürlich: "Unterhaltsam, heiter und humorvoll sein."
Auch wenn Ditko keine Namen nennt - er sagt, zu ihm kämen Politiker aller Parteien. Fotos an der Wand zeigen neben Walter Riester den ehemaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen (CDU), und Peter Struck, den heutigen SPD-Verteidigungsminister. "Es kommen prinzipiell immer mehr Leute von der Opposition als von der Regierung", sagt Ditko. "Denn der Opposition bleibt nur das Wort, die Regierung hat die Macht."
Er erzählt von einem Landtagsabgeordneten, der von seiner Partei zum Ministerpräsidenten aufgebaut werden soll. "Da sagt die Partei dem jungen Mann auch mal, dass er rhetorische Beratung nötig hat", sagt Ditko. Ein Politiker sei meist wesentlich lernwilliger, wenn er schon mal in einem Fernsehinterview rein gefallen ist. Denn jeder Politiker weiß, dass so etwas Wählerstimmen kostet. Die Einsicht in die Notwendigkeit des Beratungsbedarfs steigt sofort.
Peter H. Ditko kennt das Geschäft mit dem Wort und den Politikern schon so lange wie kaum ein anderer in Deutschland. 1978 bereits gründete der studierte Ökonom in der damaligen Bundeshauptstadt am Rhein die Bonner Rednerschule. Zeitgleich entstand mit Unterstützung des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß auch der Förderkreis Politische Rhetorik, in dessen Vorstand Spitzenpolitiker der wichtigsten Parteien sitzen. Dieser Förderkreis verleiht seitdem auch den Rednerpreis "Das Goldene Mikrofon" für herausragende rhetorische Fähigkeiten.
Als erster wurde 1979 der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf ausgezeichnet, später folgten Richard von Weizsäcker, Egon Bahr, Willy Brandt, dann Wolfgang Schäuble, Wolfgang Thierse, Joschka Fischer und Gregor Gysi. Als bisher einzige Frau erhielt bereits im Jahr 1988 die SPD-Finanzpolitikerin Ingrid Matthäus-Meier den Preis. "Frauen haben ein Grundproblem", sagt Ditko. "Sie haben höhere Stimmen als Männer. Das empfinden viele Menschen als eher unangenehm." Je tiefer die Stimme, desto angenehmer und überzeugender komme sie rüber. Renate Künast und Angela Merkel erhielten immerhin Sonderpreise für ihre rednerische Leistung.
Den Vorstand des Förderkreises Rhetorik stellen heute Wolfgang Thierse (SPD), Friedrich Merz (CDU), Rezzo Schlauch (Grüne) und Guido Westerwelle (FDP). Zu Jahresbeginn ist auch der gescheiterte Kanzlerkandidat Edmund Stoiber hinzugestoßen. Vielleicht hofft er dort noch ein wenig zu lernen.
Wie wichtig das ist, weiß auch FDP-Parteichef Guido Westerwelle. "Wer keine klare Sprache spricht, hat oft auch nicht genügend klare Gedanken", sagt er. Rezzo Schlauch, mittlerweile Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, sagt, dass Ditkos Schulung wenigstens noch eine klassische Rednerschule sei. "Mittlerweile gibt es auch sehr viele schaumige Anbieter", sagt Schlauch. "Da wird ein stromlinienförmiger Politiker erzeugt, der dann in der Christiansen-Sendung sitzt und genau weiß, wie er die Beine übereinander schlägt oder wie er seine Arme bewegen muss."
Schlauch, der sich als Anwalt die Kunst der freien Rede mühevoll selbst beigebracht hat, verfügt über seine eigenen Rede-Regeln: "Die Menschen müssen immer das Gefühl haben, dass der Redner etwas von einem will und dass er einen mag." Rein rhetorisch gesehen bedauert es Rezzo Schlauch heute, dass er ein Regierungsmitglied ist. "Als Regierungsvertreter hat man immer die Vorsichtsbremse eingebaut." Häufig müsse er sich zurücknehmen, gebrauche unpräzise Füllwörter und sage, dass er etwas zunächst prüfen müsse. "Als Oppositionsvertreter darfst Du viel mehr", sagt er.
"Politische Orte - Wo die Entscheidungen fallen" heißt das Buch zur Serie. Es wurde von Christine Dankbar und Hartmut Augustin herausgegeben, erscheint im Jaron-Verlag und kostet 8,80 Euro. Es ist auch im Kundencenter des Berliner Verlages, Karl-Liebknecht-Straße 29, erhältlich.