Süddeutsche Zeitung

KANN STOIBER NOCH WIE SCHRÖDER WERDEN?
Peter Ditko, Leiter der Deutschen Rednerschulen, über die Möglichkeit, Spontaneität und Schlagfertigkeit zu erlernen.

Mit dem Kanzler und dem Kandidaten der Union treffen bei den Fernseh-Rededuellen zwei Typen aufeinander, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

SZ: Vielleicht würde Edmund Stoiber manchmal auch gern so locker und eloquent reden können wie Gerhard Schröder. Hätte er eine Chance, das noch zu lernen?

Ditko: Lernen kann man alles. Es ist nur eine Frage, ob man es wirklich will. Schließlich ist Rhetorik angelerntes Verhalten. Kein Kind wird rhetorisch versiert geboren.

Was müsste Stoiber als erstes lernen?

Er ist zu sach- und regelorientiert und braucht eine genaue Vorbereitung. Das hindert ihn daran, glorreiche Medienauftritte hinzulegen.

Schröder dagegen ist locker und eloquent, kann kurze Sätze formulieren und sich damit vor allem in kleinen Gesprächsrunden gut darstellen. Als großer Publikumsredner war aber auch Schröder ursprünglich nicht besonders stark. Da hat er einiges dazugelernt.

Dass man lernen kann, gute Reden zu halten, leuchtet ein. Die kann man ja auch vorbereiten. Aber kann man tatsächlich Schlagfertigkeit und Spontanität trainieren - selbst wenn man die 60 überschritten hat wie Edmund Stoiber?

Spontanität zu lernen ist natürlich schwerer. Denn die ist in großem Maße in der Persönlichkeit verankert. Wenn man einen aktenorientierten, sehr zur Sache neigenden Stoiber nimmt, der alles akribisch vorbereitet und sich auch oftmals sorgt, Fehler zu machen, dann ist der natürlich alles andere als spontan. Das ist nicht in ein, zwei Stunden wegzutrainieren. Aber wenn man eine Reihe von Seminaren mitmacht, geht das.

Wie trainiert man denn so etwas?

Man übt einfach, schlagfertig zu sein. Dabei konfrontiert der Trainer seinen Schüler mit heiklen Situationen, und dieser muss dann spontan nach gewissen Regeln antworten.

Spontan nach Regeln antworten? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Nein, auch Spontanität und Schlagfertigkeit haben bestimmte Strukturen, die man trainieren kann.

Was sind das für Strukturen?

Man muss vor allem die Unterschiede zwischen Sach- und Beziehungsebene herausarbeiten. Nehmen wir zum Beispiel die Frage eines Journalisten an Herrn Stoiber, ob er sich unter die Sonnenbank legt. Schröder wäre sicherlich so schlagfertig gewesen zu sagen: "Sicherlich mach ich das, damit ich für Sie gut aussehe." Er stellt also sofort eine Beziehung zum Interviewer her.

Stoiber hat hingegen lang rumlamentiert, bis er endlich zu der Überlegung kam, dass es womöglich ganz gut sei, sich als Sonnenbänkler zu outen, der nicht immer nur arbeitet. Er mache das aber nicht so häufig, sagte er, es sei jedoch unumgänglich.

Stoiber versucht also auf der Sachebene eine Antwort zu finden, und das ist eben nicht spontan.

Wie würden Sie ihm beibringen, das zu ändern?

Ich würde ihm empfehlen, das zu sagen, was ich gerade Herrn Schröder in den Mund gelegt habe.

Das heißt, Sie geben ihren Schülern Antworten vor. Man lernt also auswendig.

Man lernt, die Sachebene von der Beziehungsebene zu trennen - sich zum Beispiel mehr in sein Gegenüber hineinzuversetzen.

Frauen neigen übrigens generell weniger dazu, nur sachorientiert zu sein. Sie springen oft schnell von der Sachebene zum Emotionalen. Interviewerinnen sind deshalb für Stoiber ein noch größeres Problem als männliche Fragensteller.

Würden Sie sich trotzdem zutrauen, aus Edmund Stoiber einen so beredten Gesprächspartner zu machen wie Gerhard Schröder?

Natürlich. Man braucht nur genügend Zeit. Dafür gibt es auch zahlreiche Beispiele. So existieren noch Aufzeichnungen von Helmut Kohl, als er das Lächeln gelernt hat. Selbst das hat schließlich ganz gut geklappt - auch wenn man einen Menschen gewiss nicht komplett ändern kann. Dazu ist das Verhalten zu tief verwurzelt.

Schröder und Stoiber haben ja zum Beispiel ganz andere Lebenswege hinter sich, die schon mit einer sehr unterschiedlichen Kindheit begannen. Trotzdem kann man Stoiber immer noch beibringen, lockerer zu sein und nicht ständig Angst vor Fehlern zu haben.

Wie lange würden Sie denn für die Verwandlung eines Stoiber brauchen?

Dazu möchte ich lieber nichts sagen.